Darum geht es in diesem Artikel
Die Tariftabelle für das Kfz-Handwerk in Niedersachsen enthält keine Regel, nach der ein Hochvolt-Zertifikat zwei Entgeltgruppen bringt; die Eingruppierung folgt der ausgeübten Tätigkeit. Dieser Beitrag zeigt, welche Hochvolt-Stufe Ihre Arbeiten verlangen und wer in Ihrem Team sie schon mitbringt. Außerdem erfahren Sie, wie Sie die Qualifikation im Gehalt abbilden, ohne einen Tarifautomatismus zu versprechen.
Zwei Entgeltgruppen für das Hochvolt-Zertifikat? Was der Kfz-Tarif in Niedersachsen tatsächlich regelt
Die kurze Antwort lautet: Eine solche Regel steht nicht in der Tariftabelle. Ein Versprechen von „zwei Gruppen mehr“ für das Hochvolt-Zertifikat lässt sich aus dem Tarif nicht ableiten.
Die Angabe geht auf ein Jobportal zurück, das von „meist ein bis zwei“ Gruppen sprach. Ein Tarifdokument steht nicht dahinter.
Die IG Metall veröffentlicht die Entgelte im Kfz-Handwerk als Tabelle nach Tarifgebieten (IG Metall, Stand: Juli 2026). Für Niedersachsen nennt sie Entgeltgruppen und Monatsbeträge, die ab August 2026 gelten.
Einen Zusammenhang zwischen Hochvolt-Qualifikation und Entgeltgruppe enthält die Tabelle nicht. Das Wort Hochvolt kommt darin gar nicht vor.
Wonach sich die Gruppe richtet
Die Eingruppierung, also die Zuordnung zu einer Entgeltgruppe, folgt der Tätigkeit, die ein Beschäftigter ausübt (IG Metall Arbeitslexikon, abgerufen im September 2026).
Maßgeblich ist also die Arbeit, die Sie übertragen, und nicht das Zertifikat in der Personalakte.
Nach welchen Merkmalen eine Tätigkeit welcher Gruppe zugeordnet wird, steht nicht in der Entgelttabelle. Diese Merkmale stehen im zugehörigen Tarifvertrag. Prüfen Sie ihn, bevor Sie einem Mitarbeiter eine Gruppe zusagen.
Gilt der Tarif überhaupt für Ihren Betrieb?
Für Niedersachsen führt die Tabelle zwei Tarifwerke nebeneinander. Das eine hat der Unternehmensverband abgeschlossen, das andere die Tarifgemeinschaft der Innungen Niedersachsen-Mitte und Osnabrück.
Tarifgebunden sind nach dem Tarifvertragsgesetz die Mitglieder der Tarifvertragsparteien und Arbeitgeber, die selbst Partei des Tarifvertrags sind (Tarifvertragsgesetz, abgerufen im September 2026).
Ob und welches der beiden Tarifwerke für eine Werkstatt in Wolfsburg gilt, hängt deshalb zunächst von ihrer Mitgliedschaft ab. Klären Sie das mit Ihrem Verband oder Ihrer Innung.
Prüfen Sie außerdem Ihre Arbeitsverträge. Verweisen sie auf einen Tarifvertrag, kann dieser auch ohne Tarifbindung Teil des Arbeitsverhältnisses werden (ifb Betriebsratslexikon, abgerufen im September 2026).
Erster Schritt: festlegen, welche Hochvolt-Stufe Ihre Arbeiten verlangen
Die Frage nach dem Gehalt lässt sich erst beantworten, wenn klar ist, welche Arbeit an Elektro- und Hybridfahrzeugen in Ihrer Werkstatt anfällt.
Den Rahmen dafür setzt die DGUV Information 209-093 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV, Ausgabe August 2021). Sie teilt die Fachkunde für Arbeiten an Hochvoltsystemen nach Tätigkeiten in Stufen ein:
| Stufe | Bezeichnung | Beispiele für Arbeiten |
|---|---|---|
| S | Sensibilisierte Person | Fahrzeuge bedienen und reinigen, etwa Wischwasser auffüllen |
| 1S | Fachkundig unterwiesene Person | allgemeine Arbeiten wie Öl- und Radwechsel oder Karosseriearbeiten, ohne Eingriff ins Hochvoltsystem |
| 2S | Fachkundige Person Hochvolt | Arbeiten am spannungsfrei geschalteten System, etwa Isolationswiderstand messen, Bauteile instand setzen oder tauschen |
| 3S | Fachkundige Person für Arbeiten unter Spannung | Fehlersuche an Komponenten, deren Spannungsfreiheit nicht hergestellt oder festgestellt werden kann, sowie Arbeiten an Energiespeichern unter Spannung |
Als Hochvolt gilt dort in der Fahrzeugtechnik eine Gleichspannung über 60 Volt. Bei Wechselspannung liegt die Grenze bei 30 Volt.
Welche Stufe Ihre Leute brauchen, ergibt sich aus Ihrer Gefährdungsbeurteilung. Das ist die gesetzlich vorgeschriebene Beurteilung, welche Gefahren bei einer Arbeit auftreten und wie Sie Ihre Beschäftigten davor schützen.
Die Verantwortung liegt bei Ihnen
Nach der DGUV-Information tragen Unternehmer oder die von ihnen beauftragten Führungskräfte die Verantwortung für den Arbeitsschutz. Sie stellen sicher, dass an Hochvolt-Komponenten ausschließlich fachkundige Personen arbeiten.
Mit der fachkundigen Leitung für diesen Bereich beauftragen Sie eine Person schriftlich.
Auch die Unterweisung für allgemeine Arbeiten übernimmt eine Fachkundige Person Hochvolt. Die Unterweisung wird dokumentiert, und bei neuen Fahrzeugtypen oder neuen Hochvoltsystemen ist sie erneut fällig.
Für die Personalplanung heißt das: Sie brauchen nicht für jeden Mitarbeiter die höchste Stufe. Sie brauchen für jede Arbeit, die Sie annehmen, genug Leute mit der passenden Stufe.
Zweiter Schritt: prüfen, wer in Ihrem Team die Qualifikation schon mitbringt
Hier liegt der zweite Grund, warum das Zwei-Gruppen-Versprechen nicht trägt: Für Gesellen nach der Ausbildungsverordnung von 2013 ist die Qualifikation Teil der Ausbildung.
Kfz-Mechatroniker, die ihre Ausbildung nach der Ausbildungsverordnung vom Juni 2013 abgeschlossen haben, besitzen bereits die Fachkunde der Stufe 2S. Das gilt für die Schwerpunkte Personenkraftwagen-, Nutzfahrzeug-, Motorrad- und Karosserietechnik (DGUV Information, Ausgabe August 2021).
Wer den Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik abgeschlossen hat, besitzt nach der DGUV-Information bereits die Fachkunde der Stufe 3S. Für die Arbeit unter Spannung selbst verlangt die DGUV-Information trotzdem in der Regel eine zweite Person; mehr dazu im Abschnitt zu Arbeiten unter Spannung.
Für Ihren Betrieb bedeutet das zweierlei. Bei Gesellen mit Abschluss nach dieser Verordnung ist die Fachkunde keine seltene Zusatzleistung, sondern Teil der Ausbildung. Bei Mitarbeitern mit älterem Gesellenbrief lohnt ein genauer Blick darauf, was sie nachweisen können.
Was die Nachqualifizierung umfasst
Fehlt die Fachkunde, legt die DGUV-Information Mindestumfänge in Unterrichtseinheiten fest. Eine Unterrichtseinheit dauert 45 Minuten.
- Mit elektrotechnischen Vorkenntnissen im Fahrzeugbereich, etwa aus der Kfz-Mechatronik: mindestens 16 Unterrichtseinheiten bis zur Fachkundigen Person Hochvolt.
- Ohne elektrotechnische Vorkenntnisse, aber mit technischer Ausbildung: mindestens 80 Unterrichtseinheiten.
- Für Arbeiten unter Spannung: mindestens 24 weitere Unterrichtseinheiten, aufbauend auf der Fachkundigen Person Hochvolt.
Jede dieser Stufen endet mit einer dokumentierten Prüfung. Nach der Qualifizierung sind die Kenntnisse durch regelmäßige Schulungen auf aktuellem Stand zu halten.
Sonderfall: Arbeiten unter Spannung gesondert planen
Für die Arbeit unter Spannung selbst nennt die DGUV-Information zwei Bedingungen.
- In der Regel ist eine zweite Person erforderlich. Sie muss mindestens fachkundig unterwiesen sein, also die Stufe 1S haben, und in Erster Hilfe ausgebildet sein.
- Die Person, die unter Spannung arbeitet, darf keine gesundheitlichen Einschränkungen haben, die dabei zur Gefahr werden, etwa ein Implantat.
Davon zu trennen sind die Bedingungen für den Lehrgang. Wer die Stufe 3S erst in einem Lehrgang erwerben soll, muss nach der DGUV-Information vor Beginn vier Nachweise erbringen.
- Mindestens die Stufe 2S.
- Ein Alter von mindestens 18 Jahren.
- Eine Erste-Hilfe-Ausbildung einschließlich Herz-Lungen-Wiederbelebung.
- Mindestens einjährige praktische Berufserfahrung im Kfz- oder Elektrobereich, die zum Beispiel eine Ausbildung in der Kfz-Mechatronik erfüllt.
Wegen der zweiten Person planen Sie nicht einen einzelnen Spezialisten, sondern ein Team, das solche Aufträge gemeinsam abdeckt.
Dritter Schritt: die Qualifikation im Gehalt abbilden, ohne einen Tarifautomatismus zu versprechen
Das Zertifikat bewegt keine Gruppe von selbst. Trotzdem können Sie Hochvolt-Kompetenz sichtbar bezahlen.
- Eingruppierung prüfen, wenn sich die Arbeit ändert: Übertragen Sie einem Mitarbeiter dauerhaft Hochvolt-Arbeiten oder die fachkundige Leitung, gleichen Sie die neue Tätigkeit mit den Eingruppierungsmerkmalen Ihres Tarifvertrags ab.
- Übertarifliche Zulage: Das Tarifvertragsgesetz lässt Abweichungen zugunsten der Beschäftigten zu. Eine Zulage für übertragene Hochvolt-Verantwortung ist damit möglich; lassen Sie die Formulierung im Vertrag rechtlich prüfen.
- Kosten der Weiterbildung: Übernimmt Ihr Betrieb die Kosten einer Qualifizierung, ist eine Fortbildungsvereinbarung mit Rückzahlungsklausel möglich. Ob sie wirksam ist, hängt von Bedingungen ab, die Gerichte prüfen; lassen Sie sie juristisch kontrollieren.
Schreiben Sie in Stellenanzeigen, was Sie tatsächlich bieten, etwa eine Zulage für die fachkundige Leitung. Ein Versprechen von zwei Gruppen, das der Tarif nicht trägt, kostet Sie später Vertrauen. Wie Sie Ihr Angebot als Arbeitgeber sichtbar machen, lesen Sie im Beitrag zur Mitarbeitergewinnung.
Was Sie im Gespräch mit dem Mitarbeiter festhalten
Sprechen Sie offen über das, was sich mit der Qualifikation ändert, und halten Sie es schriftlich fest:
- Die Arbeiten: an welchen Fahrzeugen und Systemen er künftig selbstständig arbeitet.
- Die Verantwortung: ob er die fachkundige Leitung oder die Unterweisung von Kollegen übernimmt.
- Die Bezahlung: ob sich die Eingruppierung ändert oder eine Zulage hinzukommt.
- Die Zeit: wie Sie ihn für Lehrgänge und spätere Schulungen freistellen.
Wenn die passende Fachkraft im Team fehlt
Wenn Sie eigene Leute qualifizieren, planen Sie Lehrgangszeit und Vertretung ein. Brauchen Sie die Fachkunde sofort, suchen Sie einen Mitarbeiter, der sie bereits mitbringt.
Solche Fachkräfte arbeiten womöglich zufrieden in einer anderen Werkstatt und suchen nicht aktiv. Diese Gruppe sprechen wir bei FokusFachkraft gezielt an. Unsere Methode Mitarbeiter-Maschine 2.0 erreicht passende Kfz-Mechatroniker in Ihrer Region, auch jene, die gerade nicht suchen, und reicht bis zur telefonischen Vorauswahl.
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